EN   DE   

Faktor A – Der deutsche Daniel Düsentrieb

  • Faktor A – Der deutsche Daniel Düsentrieb

    Faktor A – Der deutsche Daniel Düsentrieb

    Ein Navi für Chirurgen im OP: Mit dieser Idee fing es an. Dann setzte Unternehmer Timo Krüger einen kreativen Prozess in Gang, der aus seiner Idee ein Produkt und schließlich ein Geschäft machte. Seine Lehre: Kreativität kann man nicht bestellen – aber fördern.
    Konzentriert führt Timo Krüger einen kleinen Metallstab durch das linke Nasenloch einer Gummipuppe. Das filigrane Gerät sieht aus wie eine Stricknadel, kostet aber so viel wie ein Porsche. Der flexible Stab kann aber auch wesentlich mehr als eine Stricknadel: Auf einem großen Bildschirm neben dem Übungspatienten kann Krüger millimetergenau und in 3-D und Echtzeit sehen, wie weit er bereits in die Stirnhöhle vorgedrungen ist.
    In den FlexPointer haben Krüger und seine 56 Mitarbeiter der Fiagon AG in den letzten zehn Jahren ihre geballte Kreativität investiert. Es hat sich gelohnt. Das Gerät ist eines der weltweit erfolgreichsten navigierten chirurgischen Instrumente. In 60 Ländern hilft der FlexPointer mittlerweile Ärzten bei der Arbeit – und hat viele Menschenleben gerettet. Krüger und seinen Kollegen hat er drei Jahre in Folge den Top-Innovator-Preis, die wichtigste Auszeichnung für innovative deutsche Mittelständler, eingebracht und die Fiagon AG zu einem der erfolgreichsten und am schnellsten wachsenden Start-Ups in Deutschland gemacht. Für Krüger steht fest: Der Schlüssel zum Erfolg der Medizintechniker ist ihre Kreativität.

    Ingenieure in kurzen Hosen

    In der 1200 Quadratmeter großen Firmenzentrale in Hennigsdorf am Stadtrand von Berlin sieht es aus wie in der Werkstatt von Daniel Düsentrieb. Unter Vergrößerungsgläsern löten Männer in weißen Kitteln hochkonzentriert an neuen Prototypen. Die Wände der Labors und Büros sind Tafel und Trophäensammlung zugleich. Urkunden und Auszeichnungen hängen neben komplizierten Diagrammen und Schaubildern des menschlichen Schädels. An den Arbeitsplätzen und Schreibtischen sitzen an einem warmen Sommertag mehr Mitarbeiter mit kurzen Hosen und Turnschuhen als mit Anzug und Lederschuhen. Neben dem Kicker im Aufenthaltsraum liegen Technikzeitschriften, die nur echte Nerds verstehen können, und eine Dose Energydrink. Im Hintergrund läuft leise elektronische Musik.

     

    Das Durchschnittsalter der Mitarbeiter liegt bei 33 Jahren. In lichtdurchfluteten Besprechungszimmern und auf den Fluren stehen einige von ihnen in kleinen Gruppen zusammen. Sie beraten, wie sie das Design ihrer Geräte weiterentwickeln können, wie sie die Produktion verbessern und die internationalen Zulassungsprozesse beschleunigen können. Viele Diskussionen werden auf Englisch geführt. Bei Fiagon arbeiten Forscher, Ingenieure und Marketing- und Rechtsexperten aus zwölf Ländern. Gemeinsame Arbeitssprache ist Englisch.

     

    In einem Büro, das so aussieht, als sei er gestern eingezogen, steht Firmengründer Dr. Timo Krüger und betrachtet Fritz. Fritz ist ein lebensgroßes Plastikskelett. Wenn Krüger darüber nachdenkt, wie man die Anwendungen seiner chirurgischen Navigationsinstrumente weiter verbessern kann, ist Fritz meist das erste Versuchsobjekt. „Wir arbeiten ständig daran, unsere bereits existierenden Produkte weiterzuentwickeln. Gleichzeitig denken wir über ,the next big thing nach’“, sagt der promovierte Vermessungstechniker, während er Fritz anschaut und dabei mit einem Baseball spielt, den er von einem Medizinkongress auf Kuba mitgebracht hat.

     

    Aufgeben ist keine Option

    Kreativität hat Fiagon großgemacht und wird entsprechend großgeschrieben. „Nur, wenn wir kreativ bleiben, kann es uns gelingen, die ganz großen der Branche anzugreifen, in unserem Segment das beste Produkt der Welt beständig weiterzuentwickeln und noch mehr Chirurgen zu begeistern,“ sagt Krüger. Dazu, so der Gründer, hätten sie das Rad nicht neu erfinden müssen. Zumindest nicht ganz neu. „Schon die alten Griechen haben navigiert als sie vor Tausenden Jahren über die Meere segelten. Wir navigieren immer noch: Allerdings nicht mit Kompass und Sextant auf den Weltmeeren, sondern mit winzigen Sensoren im menschlichen Körper. So werden Operationen besser, schneller und sicherer“, sagt der 43-Jährige.

     

    In über 120.000 Eingriffen wurden Fiagon-Navigationssysteme bisher eingesetzt. Stecknadeln auf einer Weltkarte in Krügers Büro zeigen, wo Chirurgen mittlerweile mit den High-Tech-Geräten aus Brandenburg operieren. „Wenn man etwas wirklich Neues schaffen will, muss man sich ein großes Ziel setzen. Dieses Ziel muss man in kleinere Schritte aufteilen, und dann darf man vor allem eines nicht: aufgeben. ‚Das geht nicht!’, gibt es deshalb bei uns nicht. Bei uns gibt es nur: ‚Wie geht das?’ Das fördert die Kreativität ungemein“, sagt der Erfinder und Geschäftsführer.

     

    Kreative Impulse durch Auslandsreisen

    Um genau zu wissen, was Ärzte wollen, hat er bei über 1000 Operationen in aller Welt hospitiert. „Die besten Ideen sind mir oft gekommen, wenn ich mit Jetlag und übermüdet den Ärzten bei der Arbeit zugeschaut habe“, sagt der Geschäftsführer, der fast die Hälfte des Jahres im Ausland unterwegs ist. Krüger ist überzeugt, dass es die Kreativität fördert, mit Menschen mit anderen kulturellen und beruflichen Backgrounds zu arbeiten. „Interkulturelle und interdisziplinäre Teamarbeit fordert heraus. Sie gibt aber auch wahnsinnig viele wichtige Impulse“, sagt der Brandenburger, der fließend Englisch spricht. Kommt es bei der internationalen Zusammenarbeit dennoch zu Sprachbarrieren, hat der Technikfreak mit dem Faible für Medizin stets sein iPad dabei. „Die Ärzte können mir dann gleich im OP aufzeichnen, wie das Gerät aussehen sollte. In unserem Entwicklungszentrum tun wir dann alles, um es genau so umzusetzen“, sagt Krüger.

     

    DAS UNTERNEHMEN

    Fiagon AG

    Während seiner Promotion an der Universität Berlin forschte Timo Krüger zum Thema klinische Navigation und Robotik. Mit seinem Kollegen Dirk Mucha, einem Elektroingenieur, entwickelte Krüger den Prototypen des Systems. Um die Ergebnisse ihrer Forschungsarbeit nutzen zu können, gründeten die beiden 2007 die Fiagon AG und entwickelten das medizinische Navigationsinstrument bis zur Marktreife. Der erste Käufer war die Helios Klinik in Berlin-Buch. Mittlerweile wird das System in 150 Krankenhäusern in mehr als dreißig Ländern eingesetzt. Etwa 1.500 mal pro Monat wird die Technik bei Operationen eingesetzt. Fiagon arbeitet seit 2011 profitabel, das Unternehmen hat 56 Mitarbeiter. Im Juni 2016 gewann Fiagon zum zweiten Mal nach 2014 den Preis „Innovator des Jahres“ in der Kategorie „Unternehmen bis 50 Mitarbeiter“.

     

    Faktor A
    Das Arbeitgebermagazin
    http://faktor-a.arbeitsagentur.de/arbeitswelt-gestalten/fiagon-kreativitaet-daniel-duesentrieb/

     


    Philipp Hedemann

     

    Fotos: © Kiên Hoàng Lê

    Comments are closed.