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Wo abgucken eine Ehre ist

  • Wo abgucken eine Ehre ist

    Wo abgucken eine Ehre ist

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    Mit chinesischem Kapital will die Hennigsdorfer Firma Fiagon im Reich der Mitte durchstarten. Dort ist das Interesse an Innovationen >>Made in Brandenburg<< groß

     

    Wer die Firma Fiagon besucht, muss schon etwas Geduld mitbringen – und Orientierungssinn. Dabei verdient das Hennigsdorfer Medizintechnik-Unternehmen sein Geld mit Navigationssystemen, allerdings für knifflige Eingriffe im Hals-, Nasen- und Ohrenbereich sowie für Operationen am Gehirn und am Rücken. Doch nur ein kleines Schild mit dem Firmenlogo in einem Fenster im ersten Stock weist den Weg zu einem der acht Bürotürme in Technologiezentrum an der Neuendorfstraße. Die offizielle Firmenanschrift dagegen lotst einen zunächst zu einer falschen Hausnummer. Die Navigationssysteme von Fiagon scheinen dafür um so zielsicherer zu sein. Rund fünf Millionen Euro Umsatz hat das Unternehmen 2015 nach eigenen Angaben erwirtschaftet. In mehr als 50 Länder wird die Technologie bereits verkauft. Gerade erst hat Firmenmitgründer und Geschäftsführer Timo Krüger zudem ein Geschäft abgeschlossen, das seinem Unternehmen Zugang zu einem der größten Märkte der Welt eröffnen soll. Vermittelt durch den deutschen High-Tech Gründerfonds ist die chinesische Investmentbank Donghai Securities mit fünf Millionen Euro bei Fiagon eingestiegen. »Wir gehen davon aus, dass wir in absehbarer Zeit rund ein Drittel unseres Umsatzes in China machen werden«, schätzt Krüger.

     

    Die reine Gewinnsteigerung jedoch ist nach Krügers eigenem Bekunden nicht sein oberstes Ziel. »Natürlich will ich auch Geld verdienen, aber es ist nicht das Ziel von Fiagon, Timo Krüger zu befriedigen. Die Herausforderung besteht darin, eine Technologie zu entwickeln, die sich nachhaltig durchsetzt. Es geht darum, zu sagen, wir sind daran schuld, dass Navigation in der Medizin einfach dazu gehört«, sagt der geborene Prignitzer, der in Hennigsdorf mittlerweile 35 Mitarbeiter beschäftigt.

     

    Seine Technologie vergleicht Krüger mit einem Navi für ein Auto. »Nur, dass ich kein Auto über Straßen navigiere, sondern ein chirurgisches Instrument im Kopf des Patienten.« Die Daten für das System – quasi das Kartenmaterial – stammt von radiologischen Aufnahmen des jeweiligen Patienten. Über Mikrosensoren, die in das entsprechende chirurgische Besteck eingebaut sind, wird der Operateur auf Basis der Röntgen- oder CT-Daten durch den menschlichen Körper gelotst. Gerade bei Eingriffen im Nasennebenhöhlenbereich ist äußerste Präzision gefordert. Ein Millimeter Abweichung und lebenswichtige Organe wie das Gehirn könnten beschädigt werden. Der Tod des Patienten oder zumindest schwere gesundheitliche Schäden wären die Folge. Die jahrelange Erfahrung routinierter Chirurgen gepaart mit einer verlässlichen und doch bezahlbaren Navigation dagegen könnten das grundsätzliche Risiko bei solchen OPs entscheidend minimieren, sagt Krüger. Zwar gebe es schon seit rund 20 Jahren medizinische Navigationssysteme, doch diese computerbasierten 3D-Lösungen seien in der Regel für kleinere Krankenhäuser nicht erschwinglich, so der Firmenchef.

     

    Dass chinesische Investoren im großen Stil in innovative Firmen investieren, ist laut Steffen Kammradt, Geschäftsführer der brandenburgischen Wirtschaftsförderungsgesellschaft Zukunftsagentur Brandenburg (ZAB), eine vergleichsweise neue Qualität in den Wirtschaftsbeziehungen zwischen Brandenburg und China. »Noch vor rund zehn Jahren ging es vor allem darum, dass Unternehmen aus Brandenburg ihre Produkte in China verkaufen können. Jetzt bieten solche Partnerschaften den Firmen zusätzlich die Möglichkeit, weiter zu wachsen.«

     

    Entscheidend ist aus Krügers Sicht aber nicht nur die Kapitalspritze. Vielmehr erhöhe die gute Vernetzung der Donghai vor Ort seine Chancen, in China schneller Fuß zu fassen. »Bei Medizinprodukten gibt es sehr aufwändige Zulassungsverfahren. Das kann schon mal mehrere Jahre dauern. Wenn man einen Partner hat, der möglicherweise ein bisschen besser weiß, wie es geht, dauert es vielleicht nicht so lange«, glaubt er. Zudem erleichtere die Partnerschaft über die entsprechenden Kontakt zu Behörden und ansässigen Unternehmen auch den Zugang zu den großen Krankenhausketten in China, sagt der Fiagon-Chef.

     

    Die Chinesen ihrerseits haben es auf Knowhow »Made in Germany« abgesehen. Besonders gefragt sind innovative Entwicklungen in den Bereichen Energietechnik, Industrie 4.0 und Gesundheitswirtschaft. In Zeiten eines strauchelnden Wirtschaftswachstums sind Unternehmen in China gezwungen, sich breiter aufzustellen und die Nachfrage im eigenen Land durch deutsche Expertise anzukurbeln. »Die Chinesen widmen sich mittlerweile mehr dem eigenen Binnemarkt und wollen ihre Produktion statt auf Quantität mehr auf Qualität ausrichten«, bestätigt Jens Ullmann, Außenhandelsexperte der Industrie- und Handelskammer Potsdam (IHK). »Dabei geht kaufen eben schneller als selbermachen.«

     

    Die wachsende Bedeutung der Wirtschaftsbeziehungen zwischen Brandenburg und China lässt sich auch an Zahlen ablesen. Noch 2005 exportierten Unternehmen aus Brandenburg lediglich Waren im Wert von gut 63 Millionen Euro nach China. 2010 waren es bereits knapp 195 Millionen Euro. Von 2013 auf 2014 konnte die  Summe nochmals um rund 18 Millionen Euro auf 237 Millionen Euro gesteigert werden. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Importe aus China nach Brandenburg mit einem Warenwert von 612 Millionen Euro fast dreimal so hoch sind. Vor allem elektrotechnische Geräte werden von China aus nach Brandenburg verfrachtet.

     

    Erst im vergangenen Jahr war Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) mit einer Wirtschaftsdelegation nach China gereist, um die Beziehungen zu vertiefen. 239 brandenburgische Unternehmen pflegen laut ZAB wirtschaftliche Kontakte ins Reich der Mitte. Auf ihrer Reise besuchte die Delegation auch den chinesischen Solarmodule-Hersteller Astronergy, der zur Chint-Gruppe gehört. 2014 hatte Astronergy das finanziell angeschlagenen Solarunternehmen Conergy in Frankfurt (Oder) übernommen. 200 Arbeitsplätze konnten so gesichert werden. »Chint hat quasi die brandenburgische Solarindustrie gerettet«, sagt ZAB-Chef Kammradt etwas überschwenglich.

     

    Ebenfalls durch chinesisches Geld gerettet wurde das traditionsreiche Orgelbau-Unternehmen Schuke aus Werder/Havel. Als vor zwei Jahren ein russischer und ein ukrainischer Auftraggeber ihre bestellten Orgeln nicht bezahlen konnten, drohte Schuke das Aus. Eine Kooperation mit einem finanzstarken chinesischen Unternehmer sicherte dem Orgelbauer neue Aufträge und die Existenz. Nun sollen Chinesen künftig an mehreren Universitäten im Land auf Schuke-Orgeln zu Organisten ausgebildet werden. Mit ihrer Expertise sollen die Werderaner bei der Ausbildung helfen.

     

    Eingefädelt wurde die Rettungsaktion unter anderem vom Potsdamer Shanghai Business Center. Die 2006 von privaten Investoren aus China gegründete Gesellschaft soll innovative deutsche Firmen und andere Geldgeber aus China zusammenbringen. »Seitdem konnten wir 25 Partnerschaften vermitteln«, sagt Zhiqi Fan, Bevollmächtigter des Business Centers. Das Engagement bei Schuke sei dabei eher die Ausnahme. »Europäische Traditionsinstrumente wie eine Orgel haben für Chinesen einen fremden Klang. Das kennt man dort nur von CD«, so Fan. Vielleicht habe bei dem Investment auch der Reiz des Exotischen eine Rolle gespielt. Zudem habe man einfach »ein bisschen helfen wollen.«

     

    Doch das Geschäft mit China hat auch seine Schattenseiten. Chinesischen Unternehmen haftet der Ruf an, gerne fremde Innovationen zu kopieren und als Plagiate zu verkaufen. Im Vorfeld der Unternehmerreise im vergangenen Jahr hatte zudem der brandenburgische Verfassungsschutz in einem Bericht auf massive  Wirtschaftsspionage aus China hingewiesen. Neben der Russischen Föderation gehöre die Volksrepublik dabei zu den Hauptakteuren, hieß es.

     

    Nicht ganz zu Unrecht, sagt auch IHK-Experte Ullmann. »Das ist nach wie vor ein gravierendes Problem.« Allerdings habe in China ein Umdenken eingesetzt. »Mittlerweile haben es auch chinesische Firmen zu schätzen gelernt, ihre eigenen Entwicklungen schützen zu lassen«, so Ullmann.

     

    Dass die wachsenden Beziehungen zu China ein Boomerang werden könnten, glaubt Fiagon-Chef Krüger nicht. »Die Diskussion wird in Deutschland oft sehr ängstlich und abschottend geführt.« Sinnvoll sei das aus seiner Sicht nicht. »Mein Lieblingsbeispiel ist die Automobilindustrie. In Wolfsburg sind sehr viele Arbeitsplätze entstanden, weil VW nach China gegangen ist«, sagt der Brandenburger Unternehmer. »Es ist einfach sehr kurzfristig gedacht, zu glauben, die könnten uns etwas wegnehmen. Wenn wir in China einige hundert Systeme verkaufen können, dann werden die hier in Hennigsdorf gebaut.« Durch die höhere Stückzahl wiederum könnte Fiagon seine Produktionskosten senken und werde wieder ein Stück weit wettbewerbsfähiger. Ohnehin beruht laut Ullmann die Sorge vor Plagiaten vor allem auf einem kulturellen Missverständnis. »Nach chinesischer Auffassung darf sich der, der kopiert wird, geehrt fühlen.«

     

    Auch wegen solcher Fragen ist Krüger froh, die Donghai im Boot zu haben. »Chinesen kennen zehn Redewendungen, ‚ja‘ zu sagen. Acht davon meinen ‚nein‘. Das muss man erst lernen. Es ist einfach ein anderer Kulturkreis.« In rund einem Jahr will Timo Krüger seine neue Tochterfirma in China einweihen. Zunächst plant er mit fünf bis zehn Mitarbeitern. Sie sollen unter anderem bei Operationen mit dem Fiagon-Navigationssystem unterstützen, Trainings organisieren und an Kongressen teilnehmen. Bei der Suche nach dem geeigneten Personal baut der Firmenchef ebenfalls auf seinen neuen Geschäftspartner und dessen Knowhow »Made in China«.

     

    www.fiagon.com

     

     

    Text: Mathias Matern

    Fotos: Sven Müller

     

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